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Jahreslosung 2017

»Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.«

(Ezechiel 36,26)

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Gott beauftragt den Propheten Ezechiel: Er soll die Menschen zur Umkehr bewegen. Das ist eine schwere Aufgabe, denn sie »haben harte Köpfe und verstockte Herzen« (Ez 2,4).

Tatsächlich, der Prophet erreicht nichts mit seinen mahnenden Worten.

Jetzt ist es an Gott zu handeln. Wie soll er mit uneinsichtigen Menschen umgehen? Wir könnten eine ganze Palette pädagogischer Maßnahmen aufzählen, die evtl. für den Moment mehr oder weniger erfolgreich wären.

So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Die Menschen gehen dem Untergang entgegen: 587 v. Chr. Endstation Babylonische Gefangenschaft. Gott packt das Übel an der Wurzel. Jetzt hilft nur noch – ein Geschenk. Wie bitte, ein Geschenk? Als Belohnung für schlechtes Benehmen? Gott denkt nicht in unseren Kategorien. Er muss die Dinge in die Hand nehmen, damit nicht alles beim Alten bleibt: Ein neues Herz, ein neuer Geist.

Brauchen wir das nicht auch? Was würde Ezechiel heute zu uns sagen? Und zu welchem Schluss komme ich selbst über mich, mein Herz und meinen Geist?

Gott bietet einen Tausch an: Kaltes, steinernes Herz raus, warmes, fleischernes Herz rein. Welch Neuanfang: Hinwendung zu Gott statt sorgenvollen Kreisens um sich selbst; mitfühlende Anteilnahme statt Gleichgültigkeit; Mut für andere Menschen einzustehen statt angstvoller Sorge um sich selbst; Dankbarkeit für geschenktes Leben statt Kampf um das größte Stück vom Kuchen; Geschichten vom Leben erzählen statt Beschimpfungen, Verleumdungen und Gerüchte platzieren; …

Ja, ich brauche dieses neue Herz und diesen neuen Geist. Was soll’s, wenn andere über mich lachen. Ich brauche Gottes Geschenk. Ich bekomme es einfach so, aus lauter Liebe. Die Welt verändert sich nur, wenn die Menschen verändert werden. Sonst bleibt alles beim Alten.

Wie wäre es, wenn wir alle gemeinsam Gott um sein Welt veränderndes Geschenk bitten?

 

Ihre Pfarrerin


Anja Wessel

 

»Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?
Er ist nicht hier, er ist auferstanden.«

(Lukas 24,5-6)

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie als Kind auch gerne Verstecken gespielt? Ich fand das immer aufregend. Wenn ich zählen musste – würde ich die anderen finden? Bloß nicht spickeln während des Zählens! Und wenn ich gesucht wurde – würde ich unentdeckt bleiben?

Ganz anders die Stimmung bei den Frauen, die nach Jesu Begräbnis seinen Leichnam salben möchten. Dies soll der letzte Liebesdienst sein, den sie ihm erweisen. Sie wissen genau, wo das Grab ist. Ein trauriger allerletzter Gang. Zunächst sind die Frauen verwundert: Der Stein ist weggewälzt. Das Grab ist offen. Seltsam. Dann die Entdeckung: Der Leichnam fehlt. Bevor sie ihre Trauer und ihr Entsetzen spüren, überbringen zwei Männer in glänzenden Kleidern ihre Botschaft.

Eine erfreuliche und zugleich verstörende Botschaft. Wo ist Jesus denn nun zu finden? Als Lebender jedenfalls nicht bei den Toten. Das Grab befand sich an einem konkreten Ort. Der Auferstandene ist nicht mehr an diesen einen Ort gebunden. Er ist überhaupt nicht an einen Ort gebunden.

Wo sollen wir suchen? Wo werden wir ihn finden? Wo lässt er sich finden? Vielleicht dort, wo wir ihn nicht vermuten. Dort, wo wir selten hinkommen. Dort, wo er während seines irdischen Wirkens war: an den Wegrändern, bei denen, die schwer an ihrem Leben tragen weil sie Angst haben, weil sie krank und mutlos sind, weil sie nicht haben, was alle haben, weil sie einsam, verachtet und verfolgt sind, weil sie scheinbar nichts zur Erfolgsbilanz beitragen.

Heute wird Ostern bei uns, wenn wir Jesus finden. Vielleicht freuen wir uns wieder mit einer kindlichen Freude, die wir empfunden haben, wenn wir früher jemanden in seinem Versteck entdeckt haben.

Was ist, wenn wir Jesus nicht finden? Wenn er gerade nicht da ist, wo ich suche? Oder wenn ich blind und taub für ihn bin, gefangen in meinen Fragen und Zweifeln, meiner Angst und Trauer? Wissen Sie noch, wie Sie sich als Kind gefühlt haben, wenn Ihr Suchen vergeblich war?

Wenn wir Jesus nicht finden, dann geschieht vielleicht das Wunder, dass er uns findet. Wenn wir gar nicht damit rechnen.

Solch eine überwältigende Ostererfahrung wünscht Ihnen von Herzen Ihre Pfarrerin


Anja Wessel

 

»Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.«

(Apostelgeschichte 5,29)

Welche Gedanken und Gefühle verbinden Sie mit »Gehorsam«?

Im postmodernen Zeitalter größtmöglicher Autonomie steht jede Aufforderung zu Gehorsam unter dem Verdacht der Restauration, der Obrigkeitshörigkeit, eines rückwärtsgewandten Hierarchiedenkens.

Ist nicht Ungehorsam die angesagte Tugend?

Ich stelle die ganz simple Frage: Wem gehorchen Sie eigentlich? Oder anders gefragt: Auf welcher Grundlage entscheiden Sie sich für oder gegen etwas? Immer wieder höre ich die Antwort von Jugendlichen und von Erwachsenen: Das ist heute so. Das machen doch alle.

Hier möchte ich entgegnen: Moment mal. Wo bleibt denn da die Freiheit des Individuums, aufgrund eigener Überzeugungen etwas zu tun oder zu lassen? Dies fängt bei vermeintlichen Kleinigkeiten an und hört bei gesellschaftlichen und politischen Fragen auf. Bei jeder Form von Uniformität ist Vorsicht geboten.

Wie mutig ist die Antwort, die Petrus vor dem Hohen Rat angesichts des Verbots, im Namen Jesu zu predigen gibt. Er ist frei zum Widerspruch, weil er sich Gott verpflichtet weiß. Diese Form des Widerstands ist viel älter als das Christentum: Schon Sokrates argumentierte so gegenüber seinen Richtern. Martin Luther handelte nach dieser Maxime. In den Kirchen sind diese Worte bis heute nicht verstummt.

Freilich kann diese Maxime auch auf gefährliche Art und Weise – mit Luther gesprochen – »zum Deckmantel des Eigensinns« gemacht werden.

Lassen wir uns fragen: Welchem Gott leisten wir Gehorsam? Selbsternannten Göttern, die jeweilige Interessen bedienen oder dem allmächtigen und barmherzigen Schöpfer allen Lebens, der sich im ersten Gebot als der Befreier vorstellt. Die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten stellt sich heute anders dar als zur Zeit des Mose. Unfrei und abhängig sind wir in vielerlei Hinsicht. Manipuliert werden wir allenthalben und merken es oft gar nicht.

Wie gut, dass der Gott der Bibel sich als ein Gott offenbart, der über allem steht und sich allen Versuchen, für eigene Interessen vereinnahmt zu werden, entzieht. Diesem Gott zu gehorchen ist ein Akt der Freiheit und ein Merkmal christlicher Gemeinde. Versuchen wir es doch gemeinsam!

 

Ihre Pfarrerin


Anja Wessel

»Gottes Hilfe habe ich erfahren bis zum heutigen Tag

und stehe nun hier und bin sein Zeuge bei Groß und Klein.«

(Apostelgeschichte 26,22)

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

wer so reden kann, ist glücklich zu schätzen. So spricht jemand, dem es gut geht – könnten wir meinen.

Paulus sagt diese Worte bei seinem Verhör vor dem römischen Statthalter Festus und dem König Herodes Agrippa II, nachdem er schon zwei Jahre in Caesarea gefangen gehalten worden war.

Hier spricht also kein vom Erfolg verwöhnter Mann, der immer auf der Sonnenseite des Lebens stand, sondern einer, der viele Rückschläge erlitten und innere Glaubenskämpfe durchlebt hatte. In seinen schweren Zeiten hat er immer wieder Gottes Hilfe erfahren in Form von innerer Stärkung, Vertrauen, Geduld und Kraft. Gute Gedanken und passende Worte wurden ihm zur rechten Zeit geschenkt.

So kann Paulus diese Worte sagen. Möglichst viele Menschen sollen Gelegenheit haben, diesen Gott kennenzulernen, dessen Hilfe er erlebt hat.

Darum geht es heute in der Kirche immer noch. Stattdessen lesen und hören wir fast nur noch von den Krisen und Sorgen der Volkskirchen, denen die Mitglieder davonlaufen. Als Pfarrerin dieser Landeskirche ist mir das nicht egal.

Aber die frohe Botschaft ist viel wichtiger. Daran haben mich diese paulinischen Worte erinnert: Der dreieinige Gott ist eine erfahrbare Kraft, gerade in schweren Situationen. Gott hilft auf seine Weise und er wird nicht müde, uns Menschen unsere Geschöpflichkeit vor Augen zu führen. Alles Leben ist Geschenk. Erfüllung erfahren wir mitunter da, wo wir es niemals vermutet hätten – auf steinigen Wegen, mitten im finsteren Tal.

Ich bin Paulus dankbar für diesen Satz, der mich in den letzten Wochen begleitet hat. Von der Hilfe Gottes möchte ich reden. Und wenn ich diese Hilfe mal nicht erfahre, sondern ersehne, dann führt sie mir hoffentlich eine Person vor Augen, die diese Hilfe erlebt hat und nun ein Lied davon singen kann.

 

Eine gesegnete Sommerzeit wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin


Anja Wessel

»Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.«

(Lukas 15,10)

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Hand aufs Herz: Welche Rolle spielt die Buße in Ihrem Leben?

Martin Luther, dessen Theologie in diesem Jahr des Reformationsjubiläums immer wieder in Erinnerung gerufen wird, räumte der Buße eine zentrale Stellung ein: »Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ‚Tut Buße‘ u.s.w. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll« (1. These der 95 Ablassthesen).

Buße war für ihn die vertrauensvolle Umkehr des Menschen zu Gott – das nach Geborgenheit suchende Kind, das sich ohne Angst an seinen liebenden Vater wendet – eine sehr persönliche Angelegenheit also.

Genauso wird die Buße auch im Lukasevangelium verstanden. In Lukas 15 erzählt Jesus drei Gleichnisse hierzu: Vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen, vom verlorenen Sohn.

Der Buße geht das Verlorensein voraus. Wann fühlen wir uns verloren, wenn wir dieses Gefühl überhaupt noch zulassen und nicht durch rastlose Aktivität und Lärm unterdrücken?

Ich fühle mich verloren, wenn ich alleine bin und den Weg nicht kenne. Wenn ich die Orientierung verloren habe. Wenn ich merke, ich benötige Hilfe, aber keine Hilfe in Sicht ist. Wenn ich meine, niemand versteht mich. Wenn ich merke, ich werde meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht, habe jemanden verletzt, habe Stärke vorgespielt, mich aber klein und schwach gefühlt.

Die Erfahrung des Verlorenseins gehört zum menschlichen Leben. Damit verbunden ist eine Ur-Angst, denn wer sich verloren fühlt, erlebt den Verlust von Kontrolle.

Jesus macht deutlich, dass wir nie alleine sind. Wenn wir den Weg nach Hause – zu Gott – nicht finden, dann macht Gott sich auf zu uns.

Buße beinhaltet also eine doppelte Bewegung: die Suchbewegung des Menschen zu Gott und gleichzeitig die liebende Zuwendung Gottes zum Menschen. Buße zielt auf Heil-Werden, auf Geborgenheit, auf Zukunft, auf Freude.

Diese freudige Erfahrung wünscht Ihnen von Herzen

 

Ihre Pfarrerin


Anja Wessel

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