Evangelische Haigstgemeinde Stuttgart

Oktober / November 2016

Dezember / Januar 2017

Februar / März 2017

April / Mai 2017

Juni / Juli 2017

»Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.«

(2. Korinther 3,17)

Liebe Leserin, lieber Leser,

FREIHEIT wird groß geschrieben: in der Bibel und bei uns heute. »… da ist Freiheit«: Unter diesem Motto steht das Reformationsjubiläum 2017.

Was ist eigentlich genau mit Freiheit gemeint? Der Freiheitsbegriff hat sich über die Jahrtausende gewandelt. Verschiedene Ebenen sind zu unterscheiden: Gemeinschaft und Individuum; Politik, Wirtschaft; positive und negative Freiheit; Freiheit als verfassungsrechtlich verankertes Grundrecht; Freiheit im Verhältnis zu anderen Werten usw.

Mit Freiheit lässt sich punkten. Aber Vorsicht! Wenn wir von biblisch-christlicher Freiheit sprechen, dann können aus dem Zusammenhang gerissene Halbsätze irreführend sein. Was Paulus mit Freiheit meint, ist nicht zuletzt eine Anfrage an unser heutiges Freiheitsverständnis, denn er meint die von Gott geschenkte Freiheit. Im Blick ist zunächst der einzelne Mensch. Frei ist der durch Gott und seinen Geist befreite Mensch. Im Umkehrschluss gilt: Wer nicht von Gott befreit ist, ist unfrei, Spielball der Sünde, die in den unterschiedlichsten Gewändern auftritt: Habgier, Egozentrik, Hochmut, Rücksichtslosigkeit, das unablässige Streben nach Vervollkommnung …

In biblisch-christlicher Tradition geht es vor allem um die persönliche und die innere Freiheit, deren Bedeutung für die äußere und sich in Gemeinschaft realisierende Freiheit kaum überschätzt werden kann.

Martin Luther, der nun gerne zum modernen Freiheitshelden stilisiert wird, hat sich im Gefolge von Paulus ganz auf das göttliche Tun konzentriert: Freiheit ist jetzt wirksame Erlösung von allen Selbsterlösungsversuchen. Freiheit ist Freiheit vom Kreisen um das eigene Ich. Freiheit ist nicht Autonomie, Beliebigkeit und Grenzenlosigkeit, sondern heilsame Bezogenheit auf Gott, meinen Schöpfer und Befreier.

Das mag ein Stachel für uns heute sein. Die Autonomie des Subjekts hat ihre Grenze in Gott. Christliche Freiheit ist ein Werk des göttlichen Geistes. Durch ihn können wir als befreite Menschen leben. Gott sei Dank!

 

Ihre Pfarrerin


Anja Wessel

 

»Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter

auf den Morgen.«

(Psalm 130,6)

Liebe Leserin, lieber Leser,

wer schon verliebt war oder verliebt ist, kennt das Gefühl der Sehnsucht. Man kann es kaum erwarten, den geliebten Menschen zu hören, zu sehen, zu spüren.

Gibt es solche Gefühle auch in Bezug auf Gott? Für den Beter des 130. Psalms offensichtlich schon. Und das obwohl – oder vielleicht gerade weil – dieser Psalm ein Bußpsalm ist. Wenn wir das Wort »Buße«, hören, dann assoziieren wir dies nicht unbedingt mit Sehnsucht.

Und doch gehört Buße im Sinne einer schmerzlichen Einsicht in die eigene Begrenztheit, die Versäumnisse und Schuld unabdingbar zu unserer menschlichen Existenz. Wenn ich ehrlich vor mir und vor Gott bin, dann sehe ich meine Versäumnisse, gerade gegenüber den Menschen, die mir ganz nahe stehen, sehr deutlich. Ein Streit, in dem ich meine Kinder oder meinen Mann verletzt habe. Ein Blick, eine Geste, Worte, Taten, Gedanken.

Gott sieht meine Schwäche und Unzulänglichkeit mit Gnade an: »Denn bei dem Herrn ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm« (Psalm 130,7). Gnade ist etwas Wunderbares, denn da wird nicht auf- und zugerechnet, sondern das, was nicht gut war, wird vergessen, so dass nichts Belastendes mehr bleibt. Begegnung, ein Lachen, ein ganz neuer Anfang ist möglich. Ich darf wissen: Altes wird mir nicht mehr vorgehalten.

Wer sehnt sich nicht nach dieser Erfahrung, angstfrei zu den eigenen Schwächen zu stehen, echte Reue zeigen zu können und dann zu erleben, dass die Liebe größer ist als alle Versäumnisse?

Ansatzweise können wir diese Erfahrung in unseren menschlichen Beziehungen machen. Manchmal allerdings gelingt dies nicht. Dann bleiben Wunden und Narben, die einen Neuanfang behindern.

Gottes Liebe ist grenzenlos. Es gibt nichts, das er nicht vergeben würde. Jesus Christus ist Mensch geworden, damit wir diese Erfahrung machen können.

Dass die Advents- und Weihnachtszeit eine Zeit der Sehnsucht nach diesem Gott wird, wünscht Ihnen

 

Ihre Pfarrerin


Anja Wessel

 

Jahreslosung 2017

»Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.«

(Ezechiel 36,26)

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

Gott beauftragt den Propheten Ezechiel: Er soll die Menschen zur Umkehr bewegen. Das ist eine schwere Aufgabe, denn sie »haben harte Köpfe und verstockte Herzen« (Ez 2,4).

Tatsächlich, der Prophet erreicht nichts mit seinen mahnenden Worten.

Jetzt ist es an Gott zu handeln. Wie soll er mit uneinsichtigen Menschen umgehen? Wir könnten eine ganze Palette pädagogischer Maßnahmen aufzählen, die evtl. für den Moment mehr oder weniger erfolgreich wären.

So kann es jedenfalls nicht weitergehen. Die Menschen gehen dem Untergang entgegen: 587 v. Chr. Endstation Babylonische Gefangenschaft. Gott packt das Übel an der Wurzel. Jetzt hilft nur noch – ein Geschenk. Wie bitte, ein Geschenk? Als Belohnung für schlechtes Benehmen? Gott denkt nicht in unseren Kategorien. Er muss die Dinge in die Hand nehmen, damit nicht alles beim Alten bleibt: Ein neues Herz, ein neuer Geist.

Brauchen wir das nicht auch? Was würde Ezechiel heute zu uns sagen? Und zu welchem Schluss komme ich selbst über mich, mein Herz und meinen Geist?

Gott bietet einen Tausch an: Kaltes, steinernes Herz raus, warmes, fleischernes Herz rein. Welch Neuanfang: Hinwendung zu Gott statt sorgenvollen Kreisens um sich selbst; mitfühlende Anteilnahme statt Gleichgültigkeit; Mut für andere Menschen einzustehen statt angstvoller Sorge um sich selbst; Dankbarkeit für geschenktes Leben statt Kampf um das größte Stück vom Kuchen; Geschichten vom Leben erzählen statt Beschimpfungen, Verleumdungen und Gerüchte platzieren; …

Ja, ich brauche dieses neue Herz und diesen neuen Geist. Was soll’s, wenn andere über mich lachen. Ich brauche Gottes Geschenk. Ich bekomme es einfach so, aus lauter Liebe. Die Welt verändert sich nur, wenn die Menschen verändert werden. Sonst bleibt alles beim Alten.

Wie wäre es, wenn wir alle gemeinsam Gott um sein Welt veränderndes Geschenk bitten?

 

Ihre Pfarrerin


Anja Wessel

 

»Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?
Er ist nicht hier, er ist auferstanden.«

(Lukas 24,5-6)

 

 

Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie als Kind auch gerne Verstecken gespielt? Ich fand das immer aufregend. Wenn ich zählen musste – würde ich die anderen finden? Bloß nicht spickeln während des Zählens! Und wenn ich gesucht wurde – würde ich unentdeckt bleiben?

Ganz anders die Stimmung bei den Frauen, die nach Jesu Begräbnis seinen Leichnam salben möchten. Dies soll der letzte Liebesdienst sein, den sie ihm erweisen. Sie wissen genau, wo das Grab ist. Ein trauriger allerletzter Gang. Zunächst sind die Frauen verwundert: Der Stein ist weggewälzt. Das Grab ist offen. Seltsam. Dann die Entdeckung: Der Leichnam fehlt. Bevor sie ihre Trauer und ihr Entsetzen spüren, überbringen zwei Männer in glänzenden Kleidern ihre Botschaft.

Eine erfreuliche und zugleich verstörende Botschaft. Wo ist Jesus denn nun zu finden? Als Lebender jedenfalls nicht bei den Toten. Das Grab befand sich an einem konkreten Ort. Der Auferstandene ist nicht mehr an diesen einen Ort gebunden. Er ist überhaupt nicht an einen Ort gebunden.

Wo sollen wir suchen? Wo werden wir ihn finden? Wo lässt er sich finden? Vielleicht dort, wo wir ihn nicht vermuten. Dort, wo wir selten hinkommen. Dort, wo er während seines irdischen Wirkens war: an den Wegrändern, bei denen, die schwer an ihrem Leben tragen weil sie Angst haben, weil sie krank und mutlos sind, weil sie nicht haben, was alle haben, weil sie einsam, verachtet und verfolgt sind, weil sie scheinbar nichts zur Erfolgsbilanz beitragen.

Heute wird Ostern bei uns, wenn wir Jesus finden. Vielleicht freuen wir uns wieder mit einer kindlichen Freude, die wir empfunden haben, wenn wir früher jemanden in seinem Versteck entdeckt haben.

Was ist, wenn wir Jesus nicht finden? Wenn er gerade nicht da ist, wo ich suche? Oder wenn ich blind und taub für ihn bin, gefangen in meinen Fragen und Zweifeln, meiner Angst und Trauer? Wissen Sie noch, wie Sie sich als Kind gefühlt haben, wenn Ihr Suchen vergeblich war?

Wenn wir Jesus nicht finden, dann geschieht vielleicht das Wunder, dass er uns findet. Wenn wir gar nicht damit rechnen.

Solch eine überwältigende Ostererfahrung wünscht Ihnen von Herzen Ihre Pfarrerin


Anja Wessel

 

»Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.«

(Apostelgeschichte 5,29)

Welche Gedanken und Gefühle verbinden Sie mit »Gehorsam«?

Im postmodernen Zeitalter größtmöglicher Autonomie steht jede Aufforderung zu Gehorsam unter dem Verdacht der Restauration, der Obrigkeitshörigkeit, eines rückwärtsgewandten Hierarchiedenkens.

Ist nicht Ungehorsam die angesagte Tugend?

Ich stelle die ganz simple Frage: Wem gehorchen Sie eigentlich? Oder anders gefragt: Auf welcher Grundlage entscheiden Sie sich für oder gegen etwas? Immer wieder höre ich die Antwort von Jugendlichen und von Erwachsenen: Das ist heute so. Das machen doch alle.

Hier möchte ich entgegnen: Moment mal. Wo bleibt denn da die Freiheit des Individuums, aufgrund eigener Überzeugungen etwas zu tun oder zu lassen? Dies fängt bei vermeintlichen Kleinigkeiten an und hört bei gesellschaftlichen und politischen Fragen auf. Bei jeder Form von Uniformität ist Vorsicht geboten.

Wie mutig ist die Antwort, die Petrus vor dem Hohen Rat angesichts des Verbots, im Namen Jesu zu predigen gibt. Er ist frei zum Widerspruch, weil er sich Gott verpflichtet weiß. Diese Form des Widerstands ist viel älter als das Christentum: Schon Sokrates argumentierte so gegenüber seinen Richtern. Martin Luther handelte nach dieser Maxime. In den Kirchen sind diese Worte bis heute nicht verstummt.

Freilich kann diese Maxime auch auf gefährliche Art und Weise – mit Luther gesprochen – »zum Deckmantel des Eigensinns« gemacht werden.

Lassen wir uns fragen: Welchem Gott leisten wir Gehorsam? Selbsternannten Göttern, die jeweilige Interessen bedienen oder dem allmächtigen und barmherzigen Schöpfer allen Lebens, der sich im ersten Gebot als der Befreier vorstellt. Die Befreiung aus der Knechtschaft in Ägypten stellt sich heute anders dar als zur Zeit des Mose. Unfrei und abhängig sind wir in vielerlei Hinsicht. Manipuliert werden wir allenthalben und merken es oft gar nicht.

Wie gut, dass der Gott der Bibel sich als ein Gott offenbart, der über allem steht und sich allen Versuchen, für eigene Interessen vereinnahmt zu werden, entzieht. Diesem Gott zu gehorchen ist ein Akt der Freiheit und ein Merkmal christlicher Gemeinde. Versuchen wir es doch gemeinsam!

 

Ihre Pfarrerin


Anja Wessel

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